Im Ackerknecht-Saal der Pommerschen Bibliothek mit Sylwia Wesołowska, Beata Śniady und Anna Szlesińska. Erwin Ackerknecht (siehe Aufsteller hinten) leitete die Bibliothek in den Jahren 1907–1945.

Foto: © Brygida Helbig
Die letzten Sommertage in Stettin. Noch einmal schönes Wetter. Und ein neues Wandgemälde in meiner Straße – ein Schiff, das mit voller Kraft voraus strebt, mit den Symbolen der Stadt und des Stettiner Fußballvereins Pogoń Szczecin, den es seit 1948 gibt. Zahlreiche bemerkenswerte Wandgemälde und -mosaiken schmücken die Stadt, und es werden eigens dafür konzipierte Stadtspaziergänge angeboten. Das dynamische Gemälde hat jedenfalls die Straße Getta Warszawskiego noch lebendiger gemacht. Darunter kann man übrigens saftiges, frisches Gemüse kaufen in einem Laden, der noch aussieht wie in Zeiten meiner Kindheit.

Foto: © Brygida Helbig
Aber ich will heute etwas anderes beschreiben – nämlich die Pommersche Bibliothek (Książnica Pomorska im. Stanisława Staszica), die in diesem Jahr 120 Jahre alt wird und das Erbe der 1905 gegründeten deutschen Stadtbibliothek fortführt (es ist wahrlich ein Jahr der Jubiläen in Stettin!). Książnica Pomorska ist die größte geisteswissenschaftliche Bibliothek in der Woiwodschaft Westpommern mit einer imposanten regionalen Abteilung – ihre Besichtigung ist ein Muss für mich.
Das historische Gebäude beherbergte ursprünglich (seit Mitte des 19. Jahrhunderts) ein Gymnasium. Im Jahr 1905 fand dort die neu gegründete Stadtbibliothek Stettin ihren Sitz. Und dieser Sitz, in der Dworcowa 8 [1], befindet sich mitten im Herzen der Stadt, in der Nähe des Neuen Rathauses und des Hauptbahnhofs Szczecin Główny, aber auch des Denkmalsockels mit dem Anker am nah gelegenen Marktplatz (Plac Tobrucki). Vor 1945 stand hier der berühmte Manzelbrunnen mit der allegorischen Figur der Meeresgöttin Sedina – der Namensgeberin und Patronin der Stadt, von der mir schon vor Jahren der tolle und originelle Stadtführer Przemek Głowa erzählt hat.
Der Manzelbrunnen in Stettin
Der Manzelbrunnen in Stettin 1903
Historische Ansichtskarte: Brück & Sohn Kunstverlag, wikimedia commons
Der vom Berliner Architekten Ludwig Manzel entworfene Brunnen wurde 1899 als Symbol der aufstrebenden Stadt enthüllt. Während des Zweiten Weltkrieges abgebaut, wurde der Brunnen zur Kupfergewinnung verschrottet. Im Jahr 2004 entstand ein Komitee zu seiner Wiedererrichtung, doch das Projekt wird bis heute kontrovers diskutiert.
Doch wer war eigentlich Sedina? Eine altgermanische Gottheit, die im 19. Jahrhundert von den pangermanischen Bewegungen erfunden wurde? Es ist nicht ganz klar. Die Stämme der an der Odermündung lebenden Sediner werden u.a. in den Schriften des griechischen Geographen Claudius Ptolemäus (2. Jahrhundert) erwähnt. Eine andere Erwähnung kommt aus dem 17. Jahrhundert: Der Kunstsammler Philipp Hainhofer meinte, Sedina wäre ein Symbol des Matriarchats gewesen.
Für mich ist sie eine der großen mythologisierten Frauengestalten Stettins. Dazu gehören auch u.a. zwei weltbekannte Zarinnen: Katharina II. (1729−1796) und Maria Fjodorowna (1759−1828), aber auch Sidonia von Borcke (1548−1620), der man das Aussterben der pommerschen Greifen zuschob und der Hexerei bezichtigte.
Auf dem Denkmalsockel am Plac Tobrucki (vor 1945 Arkonaplatz) ist heute ein Anker platziert.
Foto: © Brygida Helbig

Foto: © Brygida Helbig
Der Denkmalsockel ist mir früher nicht aufgefallen, aber die Bibliothek kenne ich seit meiner Kindheit. Es war die erste Bibliothek, die ich kennengelernt habe. Als ich in der ersten Klasse war, hat unsere Lehrerin einen Ausflug mit uns gemacht und den Lesesaal für Kinder gezeigt. Ein prägendes Erlebnis! Damals leitete (und modernisierte) Dr. Stanisław Badoń die Bibliothek, wie ich jetzt erfahre. Seinen Bemühungen ist zu verdanken, dass sie 1965 einen wissenschaftlichen Status erlangte. Aber auch die Stärkung des regionalen Schwerpunkts (u.a. laufende Pommernbibliographie seit 1960) erfolgte auf seine Initiative.
Vor allem aber kenne ich die Pommersche Bibliothek aus meiner Studienzeit an der Stettiner Pädagogischen Hochschule in den frühen 1980er Jahren. Hier im wissenschaftlichen Lesesaal (Czytelnia Naukowa) habe ich meine ersten literaturwissenschaftlichen Texte gelesen und fleißig beim gemütlichen Licht von Tischlampen handschriftliche Notizen gemacht, Fotokopieren war noch nicht angesagt. Viel später, als Gastprofessorin der Stettiner Universität, habe ich den Lesesaal im neuen Gebäude der Bibliothek (ul. Podgórna) kennengelernt, habe dort oft gearbeitet und mich in der kleinen Cafeteria (bufet) gestärkt. Bei meinem jetzigen Besuch habe ich zu meinem Leidwesen erfahren, dass es die Cafeteria nicht mehr gibt… Lesesaal ohne Bufet? Undenkbar!
Und ja, vor kurzem habe ich die Bibliothek als Stadtschreiberin besucht, um mit Sylwia Wesołowska, der Leiterin der Regionalabteilung, den Mitarbeiterinnen der Stadt Stettin Anna Szlesińska und Beata Śniady, und der Buchhändlerin Monika Szymanik gemeinsam eine Lesung zu planen (am 6. Oktober). [2] Die Zeit der Stadtschreiberin von Stettin neigt sich nämlich langsam ihrem letzten Abschnitt zu… Sylwia Wesołowska lädt uns zum Kaffee ein und es wird eine richtig gesellige Runde. Wir sitzen im sogenannten Ackerknecht-Saal vor einer Ackerknecht-Figur aus Pappe und erfahren, wie viel die Bibliothek dem vielseitigen, passionierten Philosophen, Bibliothekar, Buch- und Filmliebhaber verdankt, der sie von 1907 bis 1945 leitete und unermüdlich die Lesekultur in Stettin und die Bildung von Bibliothekaren förderte. Eins der Verdienste von Prof. Dr. Erwin Ackerknecht war die Zusammenführung wertvoller wissenschaftlicher Buchbestände aus Pommern. Er war auch Urheber der sogenannten Ackerknechtschrift, einer Normschrift für Bibliothekare, und eröffnete eine Volkshochschule in Stettin.[3]
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden die wertvollsten Bestände der Bibliothek an verschiedenen Orten in ganz Westpommern verteilt. Während der Bombenangriffe wurde das Bibliotheksgebäude teilweise beschädigt. Die Bibliothek nahm ihre Tätigkeit aber bereits (kaum zu glauben!) im Juli 1945 auf und sicherte vor allem die Bestände der ehemaligen Stettiner Stadtbücherei. Die ersten polnischen Bücher erhielt sie von polnischen Ansiedlern aus den östlichen Grenzgebieten, die hierher umgesiedelt worden waren. In den Folgejahren wurde die Sammlung kontinuierlich erweitert, u.a. – ein wenig überraschend – auch durch handschriftliche literarische Artefakte aus dem fernen Osten im sogenannten The Buddhist Book Project Poland, mitbegründet von niemand Geringerem als dem Dalai Lama!
Doch die bekommen wir vorerst nicht zu sehen. Die Leiterin zeigt uns einige besondere Exemplare aus den deutschsprachigen, regionalen Sammlungen – z.B. handschriftliche Tagebücher von deutschen Stettin-Bewohnern. Wir bewundern auch in wunderschöner kaligraphischer Schrift geschriebene Vorkriegskataloge. Aber ein klitzekleines Büchlein hat es uns besonders angetan – das Stettiner Puppen-Kochbuch aus dem Jahr 1910. [4] Auf der ersten Seite finden wir dort ein Rezept für Kartoffelsuppe aus einer halben Kartoffel! Es entwickelt sich ein Gespräch über die Zusammenhänge zwischen Kulinarischem und Kultur, Pläne für Workshops entstehen… Ein weiterer Fund von uns ist ein polnisches Buch zur Geschichte Pommerns aus den 1920er Jahren [5] – es sollte unbedingt nochmal verlegt werden.
Sylwia Wesołowska macht mit uns eine kleine Führung durch die drei miteinander verbundenen Gebäude der Bibliothek. Das älteste historische Gebäude wurde vor einigen Jahren restauriert. Das hölzerne Treppenhaus und der Eingang erstrahlen nun im neuen Glanz, mit originalen Details, die zum Vorschein gekommen sind, ein neuer Aufzug ist auch da. Hier können Besucher historische Bestände erkunden, die in der Region einzigartig sind: rund 30.000 alte Drucke aus der Zeit vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, über 100.000 Fotografien, Handschriften, Musiknoten, ikonografische und kartografische Sammlungen, Dokumente des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere aus Pommern.
Das Erdgeschoss des Gebäudes, wo wir Kaffee getrunken haben, beherbergt die Abteilung für Pommersche Studien mit zwei Lesesälen zur Geschichte von Hinterpommern. Im ersten Stock, im Konstanty-Ildefons-Gałczyński-Saal [6] sind Musiksammlungen untergebracht. Hier halten wir uns etwas länger auf, bestaunen alte, seltene Instrumente, u.a. einen besonderen Leierkasten, der für uns Stille Nacht spielt. [7]
Video: © Brygida Helbig
Gerne würden wir hier etwas länger verweilen, doch wir wollen noch unbedingt die Deutsche Bibliothek sehen, die Biblioteka Niemiecka, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut. Jahrelang wurde sie von meiner ehemaligen, warmherzigen und passionierten Studienfreundin Basia Stark geleitet, die leider 2017 verstorben ist. Die jetzige Leiterin Frau Barbara Kacprzykowska erzählt uns mit Begeisterung von der Tätigkeit der Bibliothek, die bereits seit ca. 30 Jahren das Interesse an der deutschen Sprache, Geschichte und Kultur der Stettiner fördert.
Man findet hier Belletristik, germanistische Studienbände, aktuelle Lernmaterialien für Deutsch, audiovisuelles Material. Und eine Menge guter Kinder- und Jugendliteratur! Regelmäßig werden Vorträge organisiert, Treffen mit deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, Ausstellungen, Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche, Seminare und Workshops für Germanisten. (Das alles ist wichtig, denn das Interesse an deutscher Sprache und Literatur scheint in Polen noch nicht besonders groß zu sein, und umgekehrt ist es nicht viel anders.) Seit 1995 hat der Stettiner Zweig des Polnischen Verbandes der Deutschlehrer hier seinen Sitz. Das seien phantastische, sehr engagierte Menschen, sagt die Leiterin. Und sie kommen ganz bestimmt zu meiner Lesung.
Doch wir sind mit der Führung noch nicht fertig. Der dritte Stock beherbergt ein Literaturmuseum mit dem Saal des surrealistischen Dichters Stefan Flukowski, mit der Sammlung von 1273 Briefen eines der bekanntesten polnischen Schriftstellers, Malers und Philosophen der Avantgarde Stanisław Ignacy Witkiewicz, genannt Witkacy (1885−1939) an seine Frau Jadwiga – ein unschätzbares Zeugnis der Zeit. Frau Aleksandra Skiba, Historikerin, Bibliothekarin in der Abteilung für Manuskripte und alte Drucke, erlaubt es uns, die Briefe und andere Exponate sogar in die Hand zu nehmen. Dafür ziehen wir uns spezielle Handschuhe an.[8]

Foto: © Brygida Helbig
Das ist die letzte Station der Besichtigung, wir verabschieden uns inspiriert, und ich möchte mir noch ein besonderes Wandgemälde (von Piotr Pauk) an der westlichen Wand der Bibliothek anzuschauen. Es ist eine Visualisierung der von den Nationalsozialisten 1938 in Brand gesetzten Synagoge, die dort seit 1934/35 stand. Enthüllt wurde das Gemälde zum 84. Jahrestag der sogenannten Kristallnacht auf Initiative der Stettiner Zweigstelle der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Polen (Towarzystwo Społeczno-Kulturalne Żydów w Szczecinie) [9]. Eine Gedenktafel erinnert an die Deportation der pommerschen Juden im Februar 1940.
Hier erinnere ich mich an eine weitere Information von Przemek Głowa. In Stettin lebte nämlich einer der letzten auf Jiddisch schreibenden Dichter in Polen, Eliasz Rajzman (1909–1975). Das Literaturmuseum organisierte 2014 eine Ausstellung seiner Werke und gab seinen Prosaband Było kiedyś miasteczko (Es war einmal eine Stadt) [10] heraus. Razjman, dessen gesamte Familie im Holocaust umgekommen war, lebte hier seit 1949 und war in einer Textilgenossenschaft als Handschuhmacher tätig. Er ruht auf dem Stettiner Friedhof.
Der Reiseführer Przemek Głowa könnte mir noch viel mehr erzählen. Ich muss mich wieder mit ihm treffen, und nicht nur mit ihm. Dabei bleibt mir in meiner Funktion nicht mehr viel Zeit… Ich glaube, ich mache nach meiner Amtszeit einfach inoffiziell weiter. Aber erstmal bestelle ich mir das Stettiner Puppen-Kochbuch, und sei es die Neuauflage von 1980.
[1] Bis 1945 Grüne Schanze.
[2] Die Pommersche Bibliothek ist auch Partner des Stadtschreiberstipendiums.
[3] In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Erwin Ackerknecht von der Leitung zeitweise entfernt. Er konzentrierte sich u.a. auf die Sammlung von Materialien für das Pommersche Biographische Archiv, das er im Geist des Regionalismus gründete.
[4] Richard Braun, Stettiner Puppenkochbuch, Stettin 1910.
[5] Dr. Czesław Frankiewicz, Historia Pomorza w zarysie, Toruń 1927.
[6] Benannt nach dem polnischen Schriftsteller der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit Konstanty Ildefons Gałczyński (1905–1953), der zeitweise in Stettin lebte.
[7] Im Zbigniew-Herbert-Saal im zweiten Stock, dem Lesesaal für Spezialbestände, können Besucher Handschriften, alte Drucke, ikonografische Sammlungen, eine Bildausleihe, Dokumente des gesellschaftlichen Lebens und kartografische Bestände nutzen.
[8] Das Literaturmuseum beherbergt auch andere Schätze, so z.B. Tagebücher des in Stettin 1859 geborenen Arztes und Schriftstellers Carl Ludwig Schleich (1859–1922), eines engen Freundes von Stanisław Przybyszewski (1868−1927), der um die Jahrhundertwende als der „geniale Pole“ mit seinen literarischen Texten, experimentellen Chopin-Aufführungen und Exzessen Berliner Kneipen und Salons unsicher machte.
[9] Die Vorsitzende der seit 1950 bestehenden Stettiner Gesellschaft, ist Róża Król. Mehr Informationen unter: www.tskz.pl
[10] Eliasz Rajzman, Było kiedyś miasteczko, Szczecin 2000.




